Jens Möller

Oct 5, 2020

17 min read

Gefiederte Teamplayer

Was wir von den Meisen lernen können: Kooperation

Ein Essay über Gesellschaft, Bildung und Arbeit

Im Bereich der Technik nutzen wir die Natur schon lange als Ideengeberin. Bionik heißt das Konzept, natürliche Lösungen auf technische Sachverhalte zu übertragen. Wir verdanken der Bionik Erfindungen wie den Tarnanzug oder den Klettverschluss. Doch die Natur liefert nicht nur Ideen für die Produktentwicklung. Auch im Bereich der Organisation, Interaktion und Kommunikation kann sie uns wertvolle Denkanstöße geben. Ein Beweis hierfür ist die folgende Geschichte über kleine gefiederte Teamplayer. [1]

Anfang des 20. Jahrhunderts führte eine britische Molkerei ein landesweites Verteilungssystem ein, das Milchflaschen direkt vor den Haustüren der Kunden deponierte. Ursprünglich hatten diese Flaschen keinen Verschluss. Das hatte zur Folge, dass zwei Arten von Gartenvögeln, Meisen und Rotkehlchen, damit begannen, Milch aus den offenen Flaschenhälsen zu stibitzen. Einige Zeit später verschloss die Molkerei die Flaschen allerdings mit Aluminiumsiegeln und versperrte den Vögeln den Zugang zu ihrer neuen Nahrungsquelle — vorerst. Denn schon nach kurzer Zeit hatte die gesamte Meisenpopulation eine Methode entwickelt, die es ihr ermöglichte, die Siegel zu durchstoßen und wieder an die Milch zu gelangen. Die Rotkehlchen schafften das nicht, obwohl es auch unter ihnen einzelne Tiere gab, die die Siegel durchstechen konnten. Was war der Grund?

Zwischen Meisen und Rotkehlchen gibt es einen entscheidenden Unterschied: Bei Letzteren handelt es sich um territoriale Vögel. Das bedeutet, dass Rotkehlchen den Garten in einzelne Reviere unterteilen. Ihre ausgeprägten Kommunikationsfähigkeiten setzen sie dann hauptsächlich dafür ein, ihre Reviergrenzen zu verteidigen und ihren anderen Artgenossen mitzuteilen, dass sie hier nicht willkommen sind. Anders die Meisen: Bei ihnen handelt es sich um organisierte Gruppenvögel, die sich vor allem im Winter zu kleinen Schwärmen von bis zu zehn Vögeln zusammenschließen. Sie kommunizieren mit- und nicht gegeneinander, zeigen einen starken Zusammenhalt, lernen voneinander und können so Probleme besser lösen.

In genau diesem Verhalten liegt laut Berkeley-Professor Wilson [2] die erfolgreiche Weiterentwicklung der Meisen begründet, denn die Grundvoraussetzungen der beiden Arten waren nahezu identisch. Schließlich standen beiden Singvögeln dieselben Kommunikationsmittel, wie z. B. Farbe, Bewegung oder Gesang zur Verfügung. Der ausschlaggebende Unterschied ist im spezifischen (Lern)Verhalten der Meisen zu sehen, das im Wesentlichen durch zwei Erfolgsfaktoren geprägt ist: Direkte Interaktion und Kommunikation. Die Möglichkeit sich frei zu bewegen und offen miteinander zu kommunizieren, ermöglichte es den Meisen die Fertigkeiten eines einzelnen Vogels nach und nach an alle Mitglieder der Spezies weiterzugeben. Bei den Rotkehlchen dagegen hielt sich der für Lern- und Weiterentwicklungsprozesse zwingend erforderliche soziale Austausch in den selbst gesteckten „Grenzen“.

Über das eigene Revier hinaus

Die Geschichte der kleinen Meisen zeigt uns, dass sich Probleme in einer starken und offenen Gemeinschaft besser lösen lassen als alleine. Ein Erfolgsweg, den wir nach Jahrzehnten der Individualisierung und Ökonomisierung verlassen zu haben scheinen. Dabei würde uns dieser Weg heute viel besser ans Ziel führen als unsere bisherigen, ausgetretenen Pfade. Denn auch wir sind als Gesellschaft aktuell mit zahlreichen „Aluminiumsiegeln“ konfrontiert, von denen wir noch nicht wissen, wie wir sie alleine aufbrechen sollen. Zu diesen „Siegeln“ gehören zum Beispiel Themen wie die völlig entfesselte Globalisierung, die tiefe Bildungskrise und eine überhitzte Arbeitswelt. Je intensiver wir uns mit diesen politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Themen auseinandersetzen, umso mehr müssen wir erkennen, dass wir mit unseren bisherigen Denkmustern und Lösungsansätzen an unsere Grenzen stoßen.

So hilft es in der gegenwärtigen Globalisierungsdebatte nicht weiter, wenn wir uns weiterhin wie ein Rotkehlchen abgrenzen und uns in erster Linie nur für unser eigenes „Revier“ interessieren. Mit diesem Verhalten wird es uns nicht gelingen, die jeden Tag offensichtlicher werdenden Schattenseiten der Globalisierung wie Hunger, Armut und Klimawandel zu beseitigen und halbwegs menschliche Verhältnisse zu schaffen. Nur mit konstruktiver „Empörung“ [3], Einmischung und Zusammenarbeit werden wir die aktuellen Weltprobleme, die heute 925 Millionen Menschen in Hunger [4] und 1,4 Milliarden Menschen in bitterster Armut (mit weniger als einem Dollar am Tag) [5] leben lassen, lösen können.

Worum es zukünftig gehen wird, ist die Neuausrichtung unserer kollektiven Denk-, Handlungs- und Lernmuster. Wir müssen endlich erkennen, dass wir unsere überkommenen Strukturen und Gewohnheiten nicht länger künstlich am Leben erhalten dürfen, wenn wir uns den globalen Herausforderungen unserer Zeit erfolgreich stellen wollen.

Alles hängt mit allem zusammen

Denn in unserer immer schneller zusammenwachsenden Welt spüren wir zum ersten Mal, dass wir durch die Globalisierung in einem allumfassenden Wirkungszusammenhang stehen. Alles hängt mit allem zusammen. Niemand ist ein Einsiedler oder eine Insel — wir sind alle miteinander verbunden. Komplexe Folgen menschlicher Entscheidungen fallen heute in kürzester Zeit auf diejenigen zurück, die diese Entscheidungen getroffen haben. Traditionelle Handlungsmuster wie blinder Aktionismus, Alleingänge und der notorische Ruf nach schnellen Lösungen helfen uns in dieser „neuen“ Welt nicht mehr weiter. Solche Verhaltensweisen werden die globale Krise der Gegenwart nur noch verschärfen, weil sie auf einer falschen Illusion von Simplizität, Kausalität und Kontrollierbarkeit basieren und am Ende Ergebnisse produzieren, die nur eine unbefriedigende Antwort auf die komplexen Herausforderungen unserer Zeit liefern. Das typische Schema: Vielschichtige Probleme werden zu eindimensional angegangen, erlassene Maßnahmen verpuffen und bringen am Ende weder Besserung noch Klarheit über die wahren Ursachen ihrer Wirkungslosigkeit.

Diese Gegebenheiten erfordern von uns ein radikales Umdenken. Wir müssen damit aufhören, die Welt durch die Brille abstrakter und dualistischer Denkmodelle zu sehen: Als richtig oder falsch, gut oder böse, wir oder die anderen, schwarz oder weiß. Dieses Entweder-Oder-Denken hat einen gravierenden Nachteil. Es verleitet uns zu dem Glauben, dass eine Lösung immer nur A oder B sein kann. Für komplexe Zusammenhänge, Widersprüche und Bedeutungsnuancen zwischen unterschiedlichen Alternativen ist in diesem Denkmodell kein Platz. Sie werden zum Wohle einer klaren Entscheidung einfach ignoriert oder wegabstrahiert. Das Problem an dieser Vorgehensweise ist, dass unsere Welt nicht so aufgebaut ist, dass man immer klar entscheiden kann, was richtig und was falsch ist. Oftmals sind es gerade die vernachlässigten Grauzonen, Widersprüche und Randerscheinungen, die betrachtet werden müssen, um zur Wahrheit eines komplexen Problems vorzustoßen. Die Wirklichkeit ist etwas Ganzes — schwarz UND weiß. Doch was genau bedeutet das für uns?

Jeder kann sollte einen Beitrag leisten

Wir müssen begreifen, dass wir nachhaltige Lösungen nur entwickeln können, wenn wir schwierigen Fragestellungen mit beständiger Aufmerksamkeit und ganzheitlichem Denken begegnen. Darüber hinaus müssen wir lernen zu verstehen, dass ein hohes Maß an Komplexität heute mehr als das Wissen und die Kreativität einer einzelnen Person erfordert. Denn unsere Welt führt uns eines deutlich vor Augen: Niemand kann und weiß alles. Das bedeutet im Umkehrschluss aber auch: Jeder kann einen wertvollen Beitrag leisten. Die Voraussetzung ist allerdings, dass man sowohl gewillt als auch gefordert ist, aktiv an Entscheidungsprozessen mitzuwirken, sein Wissen mit anderen zu teilen und von anderen zu lernen. In diesem Zusammenhang gilt es auch jahrhundertealte Denkmuster über Bord zu werfen. Anstatt wie heute üblich, Individuen, Management-Gurus und Stars zu feiern, wird es zukünftig darum gehen, Gemeinschaften kluger Leute und kollektive Brillanz als Quelle bestmöglicher Lösungen zu akzeptieren und wertzuschätzen.[6]

Die Geschichte der Meisen und Rotkehlchen kann uns hierbei eine große Inspiration sein. Schließlich zeigt sie uns, dass sich Kooperation und freier „Meinungsaustausch“ lohnen, weil einzelne Vertreter einer Spezies niemals in der Lage sind, nachhaltige Lern- und Entwicklungsprozesse alleine anzustoßen. Doch alle Inspiration ist wertlos, wenn aus ihr in naher Zukunft nicht die richtigen Erkenntnisse und Taten erwachsen. Und hier sind wir alle gefordert. Unsere Krise der Gegenwart ist keine Krise einzelner Menschen, Organisationen oder Länder, sondern eine gesamtgesellschaftliche Krise. Das Problem ist systemischer Natur.

Das bedeutet, dass wir alle gleichermaßen in der aktuellen Situation verhaftet sind und nur gemeinsam neue Wege finden können. Es reicht nicht aus, sich bequem zurückzulehnen und darauf zu hoffen, dass die jüngeren Generationen diese Probleme schon irgendwie lösen werden. Denn die Schulen und Universitäten sind als Ausbildungsstätten junger Leute auch nur ein Teil des Gesamtsystems. Das heißt, dass den Lernenden dort exakt die gleichen Muster des Denkens, Organisierens und Institutionalisierens vermittelt werden, durch die auch das in Schieflage geratene Gesamtsystem geprägt ist. Und das ist ein Problem. Denn wie bereits Albert Einstein feststellte, können bestehende Probleme niemals mit derselben Denkweise gelöst werden, durch die sie entstanden sind.[7] Oder im Bildungskontext gesagt: Keine Schule oder Universität kann besser sein als die Gesellschaft, deren Kinder sie (aus)bilden soll.

Schule: Kreativität, Flexibilität und freies Denken unerwünscht

Im Jahr 1792 schrieb Wilhelm von Humboldt, Mitbegründer der Universität Berlin, dass Bildung der Entwicklung und der Freiheit des Menschen zu dienen habe und nicht seiner Anpassung an starr vorgegebene Strukturen. Ziel der Bildung dürfe es nicht sein, „aus Menschen Maschinen“ machen zu wollen.[8] Würde uns Humboldt, der an der Schwelle zur Industriellen Revolution lebte, heute besuchen, wäre er sicher erschrocken, wie wenig Beachtung seinen Ideen in den vergangenen 200 Jahren geschenkt wurde. Eigentlich müsste man sogar von Missachtung sprechen. Schließlich taten Schulen und Universitäten im 19. und 20. Jahrhundert genau das Gegenteil von dem, was Humboldt forderte. Sie folgten einem Ideal, das keine freien und kritisch denkenden Menschen, sondern fügsame Untertanen hervorbrachte. Auf der Basis eines normierten Bildungskanons wurden namenlose Rädchen für starre Organisationen produziert, die sich nahtlos und ohne eigene Meinung in das Gesamtsystem zu fügen hatten. In den Industrieunternehmen wurden Mitarbeiter zu leblosen Komponenten degradiert, die nach der Maschinenlogik zu funktionieren hatten. Wer sich nicht an die Regeln des Systems hielt, wurde „eingepasst“ oder einfach ausgetauscht. Nichts lag diesem Bildungssystem ferner als die freiheitliche Entwicklung seiner Bürger. Die Furcht Humboldts vor einer Gesellschaft, die Menschen zu Maschinen machen will, sollte sich also als berechtigt erweisen.

Und heute, im 21. Jahrhundert? Welche Bildungsideale gelten in unserer viel zitierten Wissensgesellschaft — in einer Gesellschaft, in der Innovationskraft und Wohlstand nicht mehr von Konformität und Gleichförmigkeit, sondern von Vielfalt und Kreativität bestimmt werden? Haben sich unsere Schulen und Universitäten tatsächlich weiterentwickelt oder sind sie immer noch im Bildungssystem der Industriewirtschaft verhaftet? Ein genauer Blick auf unsere Bildungseinrichtungen zeigt uns, dass Letzteres der Fall ist: Wie in den Fertigungshallen des 19. Jahrhunderts läuten in Schulen auch heute noch schrille Glocken die Pausen eines starren Stundenplanes ein. Kinder werden wie Werkstücke und unabhängig von ihren individuellen Begabungen und Fähigkeiten durch vorgegebene Klassensysteme und Lehrpläne geschleust. Und am Ende gibt es ein Zeugnis, das eine Auskunft über den Charakter und die Fähigkeiten eines Menschen liefert — ein Leben lang. So wie eine Gebrauchsanleitung, die einem Produkt beigegeben wird, nachdem es die Produktionshalle verlassen hat. Noch immer scheinen an unseren Schulen Standards, Normen und reproduzierbares Wissen wichtiger zu sein als kreative Ideen, Flexibilität und freies Denken. Aber gilt das nur für unsere Schulen? Leider nein!

Auch an den Universitäten werden den Studenten, vor allem im Bereich der Wirtschaftswissenschaften, nach wie vor die linearen, (kenn)zahlenfixierten und mechanistischen Weltbilder gelehrt, die ihren Ursprung in der Industriewirtschaft der vergangenen beiden Jahrhunderte haben. Dabei wäre es heute notwendiger denn je, die universitäre Bildungslandschaft neu zu erfinden. Studenten werden in überfüllten Hörsälen mit monotonem Frontalveranstaltungen zwar in kürzester Zeit in historische Denkmodelle eingeweiht, aber dieses Wissen liefert ihnen die falschen Mittel, wenn es darum geht, komplexe Probleme zu lösen, die in dieser Historie nie vorkamen. Daran hat auch der Bologna-Prozess mit seinen Bachelor-, Master- und Punktesystemen nicht wirklich etwas geändert. Die Lehrpläne der Studiengänge sind heute nicht anders, besser oder praxisorientierter als ihre Vorgänger. In Wahrheit liegt dem Bologna-Studium nämlich wieder die verstaubte Idee der Bildungsfabriken zugrunde. Das schreibt auch der österreichische Philosoph Konrad Paul Liessmann:

Vieles, was so unter dem Titel der Effizienzsteigerung zur Reform des Bildungswesens unternommen wird, gehorcht schlicht dem Prinzip der Industrialisierung. Die vielgerühmte Modularisierung von Studien etwa stellt die Übertragung des Prinzips funktional differenzierter Fertigungshallen auf den Wissenserwerb dar, Stück für Stück werden Kurse und Lerneinheiten zu den Abschlüssen montiert.[9]

Universität: Ausbildung zu Einzelkämpfern

Universitäre Bildung verkommt unter solchen Voraussetzungen zu einer bloßen Ausbildung von Einzelkämpfern und “Fachidioten”.[10] Da mag es auch nicht verwundern, dass der Laborversuch unter wissenschaftlich fixierten Rahmenbedingungen als die Krone dieses universitären Systems gilt. Auf einem bestimmten Teilgebiet werden so lange Annahmen getroffen, Abstraktionen vorgenommen und Kennzahlen erhoben, bis sich am Ende ein klarer Ursache-Wirkungs-Zusammenhang herstellen lässt. Dabei wäre dieses Vorgehen völlig unproblematisch, würde man offen zugeben, dass solche Teilbetrachtungen nicht in der Lage sind, sämtliche Antworten auf komplexe Fragestellungen zu liefern. Man gibt es aber nicht zu. Im Gegenteil. Man zelebriert den Laborversuch als einzig vernünftige und allgemein gültige Quelle der wissenschaftlichen Erkenntnis. So überträgt man das Bild, das man sich im Kleinen von einer bestimmten Situation gemacht hat, gerne auf einen anderen, meist größeren Bereich ohne dabei jedoch ausreichend die veränderten Rahmenbedingungen zu beachten. Randerscheinungen, die im Kleinen noch vernachlässigt werden konnten, gewinnen bei einer derartigen Projektion eine ganz andere Bedeutung. Sie entwickeln sehr oft eine Eigendynamik, die wiederum neue, komplexe Probleme generiert.

Um solche Situationen zu lösen, wäre nun vor allem eines gefragt: Ganzheitliches Denken. Die begrenzten Erkenntnisse des ursprünglichen Modells sind hierbei nämlich keine große Hilfe mehr. Stattdessen wären nun „weiche“ Disziplinen gefragt, die als brotlos und unwissenschaftlich gelten. Hierzu gehören beispielsweise die Philosophie, die Kulturwissenschaft und die Geschichte. Mit ihrer Hilfe ließen sich viele neue Einsichten und Erkenntnisse gewinnen. So fördern die Philosophie und die Kulturwissenschaft das Denken in größeren Gesamtzusammenhängen; die Geschichte lehrt die Konsequenzen menschlichen Handelns. An unseren Schulen und Universitäten werden diese Tatsachen jedoch beharrlich ignoriert. Und so bleibt man lieber weiter in seinem fachlichen „Rotkehlchen-Revier“ sitzen anstatt sich — wie die Meisen — endlich gegenseitig auszutauschen und zu bereichern.

Es zeigt sich deutlich, dass die heutige Bildungslandschaft nach neuen Impulsen verlangt. Wir müssen endlich verstehen, dass sich Bildung nicht nach der Maschinenlogik des Industriezeitalters standardisieren, takten und funktionalisieren lässt. Denn der Fehler, der diesem Denkmodell zugrunde liegt, ist die Tatsache, dass die Mechanik „eine Theorie toter Körper“ [11] ist, eine Schule oder Universität aber eine praktische Gemeinschaft quicklebendiger Menschen.

Es macht daher überhaupt keinen Sinn, starre, mechanistische Strukturen auf von Menschen geprägte Bildungssysteme zu übertragen. Worum es künftig gehen wird, ist eine Flexibilisierung, Öffnung und Vernetzung von Bildungssystemen zu erreichen und dabei den Menschen in den Mittelpunkt aller Aktivitäten zu stellen. Technische Werkzeuge wie Lernplattformen oder soziale Netzwerke können uns hier eine große Hilfe sein — wenn wir sie richtig einsetzen. Ziel muss es sein, unser heutiges Bildungssystem freier und beweglicher zu gestalten.

Den Fokus weiten

Wir können das erreichen, indem wir an Schulen und Universitäten die traditionellen Bildungsprogramme um ein breit gefächertes Angebot an virtuellen Lernmöglichkeiten wie zum Beispiel E-Learning-Kursen, Lernspielen und Simulationen erweitern. Neben den festen Stundenplänen und Präsenzveranstaltungen vor Ort hätten Schüler und Studenten die Möglichkeit, eigenverantwortlich und selbständig zu lernen. Und zwar nicht irgendetwas, sondern das, was sie wirklich lernen wollen — komplementär oder interdisziplinär. So wäre es beispielsweise möglich, dass ein BWL-Student ein Semester lang Online-Kurse in Philosophie belegt, während sich ein Biologiestudent mit Unternehmensführung befasst. Anschließend wird das Gelernte dann in kleinen Gruppen von bis zu zehn Teilnehmern und unter der Anleitung eines Tutors auf nicht kommerziellen Lernplattformen geteilt, besprochen und reflektiert. Ebenso könnte dies in speziell entwickelten Bildungsnetzwerken oder im Internet geschehen. In diesem Zusammenhang geht es aber auch um eine Grundsatzfrage, die wir als Gesellschaft beantworten müssen: Ist das Internet nur ein Mittel, das dem Kommerz und der Unterhaltung dienen soll oder kann es in Zukunft zu einem zentralen Werkzeug der Bildung, Erziehung und Wissenschaft werden?

Die entscheidenden Zukunftsthemen wie Partizipation, Kooperation, Interdisziplinarität und informelles Lernen sollen jedoch nicht nur virtuell ein wichtiger Bestandteil der Lehrpläne und Bildungsprogramme sein. Auch in der realen Bildungswelt müssen sie den Platz einnehmen, den sie verdienen. Da wir für die anspruchsvollen Tätigkeiten unserer Wissensgesellschaft nicht mehr nur praktische, sondern vor allem emotionale, ästhetische und kollektive Intelligenz benötigen, müssen wir uns an Schulen und Universitäten anders aufstellen. Das bedeutet, dass unsere Kinder neben harten Fakten endlich auch „weiche“ Fähigkeiten erlernen müssen. Um zukünftig erfolgreich sein zu können, müssen sie lernen, offen auf Andere zuzugehen, ihnen aufmerksam zuzuhören und mit ihnen gemeinsam nach den bestmöglichen Lösungen zu suchen. Diese Suche soll aber keinesfalls nur nach dem Harmonieprinzip geschehen. Wenn nötig, muss auch einmal miteinander gestritten und um die beste Entscheidung gerungen werden. Dann aber im Rahmen einer humanen Streitkultur, in der sich am Ende nicht die lauteste Stimme oder die einflussreichste Position, sondern die vernünftigsten Argumente durchsetzen.

All diese tiefgreifenden Veränderungen im Bildungsbereich werden jedoch nicht ohne unser (pro)aktives Engagement eintreten. Das hört sich nach harter Arbeit an — und das ist es auch. Aber es wäre die beste Investition in die Zukunft, die wir als Gesellschaft machen könnten. Sollten wir uns im Bereich des Bildungswesens weiterhin an die Vergangenheit und ihre veralteten Denkmodelle klammern, werden wir uns unserer Zukunft berauben. Wir würden weiterhin nur Klone vorangegangener Generationen erschaffen, die unserer Gesellschaft keinen wirklichen Fortschritt, sondern Stagnation brächten. Das hätte vor allem für die Arbeitswelt fatale Folgen, denn auch dieser Bereich unserer Gesellschaft “schreit” förmlich nach neuen Impulsen, Ideen und Innovationen.

Wie wollen wir arbeiten, was bedeutet Erfolg?

Ein genauer Blick auf die heutige Arbeitswelt müsste Top-Managern, Politikern und Gesundheitsexperten eigentlich schlaflose Nächte bereiten. Schließlich vergeht heute fast keine Woche, in der nicht mindestens eine beunruhigende Studie über den Zustand unserer Arbeitswelt veröffentlicht wird: 90% der Deutschen seien unzufrieden mit ihrem Job [12], die Arbeitsfehlzeiten aufgrund psychischer Erkrankungen hätten in kürzester Zeit um 33 Prozent zugenommen [13] und nur noch jeder neunte Mitarbeiter fühle sich seinem Unternehmen stark verbunden [14], so die Studien. Ergebnisse, die uns wachrütteln sollten. Jeder scheint heute zu spüren, dass sich unsere Arbeitswelt in eine falsche Richtung bewegt und sich unser traditionelles Verständnis von Unternehmenserfolg und Arbeitskultur überholt hat. Worum es in naher Zukunft gehen wird, ist die Entwicklung neuer Formen des Wirtschaftens und der Zusammenarbeit. Dies kann jedoch nur auf Basis einer kritischen Reflexion, einer „Re-Vision“, unserer gegenwärtigen Arbeitswelt gelingen.

Genau vor diesem Schritt scheuen sich aber die meisten Unternehmen. Sie haben Angst davor, sich offen und ehrlich den Spiegel vorzuhalten — sich kritisch zu hinterfragen. Und die Ängste sind durchaus berechtigt, würde eine solche Selbstreflexion den meisten Unternehmen doch vor Augen führen, dass sie in Wirklichkeit gar nicht so innovativ, nachhaltig und mitarbeiterfreundlich sind, wie sie sich auf Events oder in Stellenanzeigen gerne präsentieren. Ein Beleg für diese Diskrepanz zwischen marketingorientiertem Selbstverständnis und gelebter Praxis in Unternehmen ist das inzwischen inflationär zitierte „Teamwork“.

Diesen Begriff benutzt heute jeder — ein sicheres Zeichen dafür, dass ihn niemand wirklich ernst nimmt. So wird in der heutigen Arbeitswelt fast überall stillschweigend akzeptiert, dass Teams nicht richtig funktionieren, Teammitglieder nicht miteinander, sondern gegeneinander arbeiten und kräftezehrende Statuskämpfe an der Tagesordnung sind. Die heute in jeder Stellenanzeige auftauchenden Schlagwörter wie „Teamgeist“ und „Teamfähigkeit“ sind meist nicht mehr als leere Worthülsen, da sie in den realen Strukturen der Unternehmen kaum ausgeprägt sind. Im Gegenteil. Die Teamarbeit endet oft schon am Nachbarbüro, gemeinsame Ziele und „Fairplay“ gibt es nur, solange dadurch keine persönlichen Interessen gefährdet sind. Anstatt sich endlich neuen Ideen und Paradigmen zu öffnen, klammern sich Unternehmen und ihre Führungskräfte weiterhin an Verhaltensweisen, die im Industriezeitalter noch erfolgversprechend und karrierefördernd waren, heute jedoch zweifelhafte Ergebnisse produzieren. Und so heißt der „Erfolgsweg“ in vielen Unternehmen leider weiterhin Ellbogen statt Kooperation, Herrschaftswissen statt Wissensteilung, Misstrauen statt Vertrauen und Zahlen statt Menschen.

Das sind extrem schlechte Voraussetzungen für eine Welt, in der schon bald 90 Prozent der Produktivitätszuwächse aus dem Einsatz und Austausch von Wissen resultieren werden.[15] In Zukunft muss es für Unternehmen vor allem darum gehen, ein modernes Arbeitsumfeld zu schaffen, in dem sich Wissen und Ideen frei entfalten können. Es gilt, Wände zwischen Abteilungen einzureißen und einen freien Gedankenaustausch zu fördern, der alle Autoritätsgrenzen hinter sich lässt. Oder in den Bildern der Einleitungsgeschichte gesprochen: Es geht um mehr „Meisen-Kultur“. Damit das gelingt, müssen Unternehmen begreifen, dass sich Arbeitskultur niemals durch bloße Rhetorik und Publicity, sondern nur durch eine gelebte Praxis im Alltag verändern lässt. Sie müssen lernen, dass eine vertrauensvolle und respektvolle Zusammenarbeit nur möglich ist, wenn die Werte, die nach außen kommuniziert werden, nach innen auch tatsächlich gelebt werden. Hier haben die meisten Unternehmen noch jede Menge Arbeit vor sich. Doch es gibt keine Alternative.

Anders denken, anders handeln

Unternehmen, die weiterhin an den überholten Denk- und Handlungsmustern des Industriezeitalters festhalten und sich nicht redlich um Transformation bemühen, werden schon bald Schwierigkeiten bekommen, konkurrenzfähig zu bleiben. Kein weltoffener, mobiler und gut ausgebildeter Wissensarbeiter wird in Zukunft mehr bereit sein, freiwillig für ein Unternehmen mit verkrusteten Strukturen samt entsprechender Unternehmenskultur zu arbeiten. Um sich diesen Herausforderungen erfolgreich stellen zu können, müssen sich die Unternehmen wandeln. Es geht um Veränderung. Und zwar nicht um die heute praktizierte „Veränderung“ auf Basis flüchtiger Management-Trends, sondern um eine tiefergehende Veränderung: Um eine Erneuerung des Denkens und Handelns. Unternehmen und Führungskräfte müssen verstehen, dass es heute nicht mehr ausreicht, die Symptome einer fehlgeleiteten Arbeitswelt wie Dauerstress, Burnout und Mobbing nur besorgt zur Kenntnis zu nehmen und oberflächlich zu behandeln. Schon heute kosten stressbedingte psychische Erkrankungen bei Mitarbeitern der Wirtschaft und den Krankenkassen jährlich 50 Milliarden Euro — Tendenz steigend.[16] Es ist 3offensichtlich: Unsere Arbeitswelt und unsere Gesellschaft stehen unter gewaltigem Stress. Diesen Stress werden wir allerdings nicht beseitigen, indem wir weiterhin Schönfärberei betreiben und die Augen verschließen. Wir müssen uns endlich unbequeme Fragen stellen — die Fragen nach den wahren Ursachen dieser Krise in der heutigen Arbeitswelt. Erst dann wird es uns gelingen, die richtigen Antworten auf die oben beschriebenen Herausforderungen zu finden.

Wir stehen heute als Gesellschaft an einem Scheideweg: Wir können den vermeintlich bequemen Weg wählen und allen negativen Entwicklungen zum Trotz weiterhin nach der Überzeugung handeln, dass alles, was in der Vergangenheit richtig war, auch in der Gegenwart gut sein muss. Dann werden wir weiterhin Ergebnisse produzieren, die nur wenigen nutzen, aber vielen schaden. Wir können uns als Gesellschaft aber auch neu ausrichten und weiterentwickeln, weil wir gemeinsam zu der Erkenntnis gelangen, dass neue Gegebenheiten in einer neuen globalen Welt auch neue Wege erfordern. Dann müssen wir aber auch verstehen, dass sich diese Entwicklungsprozesse nicht automatisch oder im Vorbeigehen vollziehen werden. Erst wenn wir es gemeinsam schaffen, unsere traditionellen Denk-, Handlungs- und Lernmuster zu verändern, wird eine positive Weiterentwicklung auf breiter Front, ein Entwicklungssprung, möglich sein. Dann kann es auch uns gelingen, eine neue Kultur des Miteinanders zu etablieren und unsere momentan noch verschlossenen „Aluminiumsiegel“ zu öffnen.

10 Jahre her und immer noch aktuell …

Ich habe diesen Essay bereits im Jahr 2010 geschrieben. 2012 erschien eine gekürzte Fassung davon im Online-Magazin changeX.

Leider hat sich nach all den Jahren immer noch nicht viel verändert und der Essay ist nach wie vor erschreckend aktuell. Wirkliche Veränderung scheint eben doch viel länger zu dauern, als wir oft glauben (wollen)…

Lasst uns die genannten Themen trotzdem endlich anpacken und gemeinsam eine lebenswerte Zukunft gestalten!

Fußnoten | Quellen

[1] Die nachfolgende Geschichte war u. a. Gegenstand der wissenschaftlichen Forschungen des renommierten Biochemie-Professors Allan Wilson von der University of California in Berkeley. Sie diente ihm als Grundlage für seine Forschungen und Artikel zur Evolutionsbiologie. Exemplarisch sollen hier folgende Artikel genannt werden: Wyles, Jeff S.; Kunkel, Joseph G.; Wilson, Allan C. (1983): Birds, behavior, and anatomical evolution. In: Proceedings of the National Academy of Sciences. Vol. 80, Juli. S. 4.394–4.397; Schoon, Nicholas (1988): The mastermind of evolution. In: The Independent, 21. November. S. 16.

[2] Vgl. de Geus, Arie P. (1999): The Living Company: A Recipe for Success in the New Economy. London: Nicholas Brealey Publishing. S. 158 ff.

[3] Mit seiner im Jahr 2010 veröffentlichten Streitschrift „Empört euch“ traf der ehemalige französische Résistancekämpfer Stéphane Hessel den Nerv vieler junger Menschen in Europa. Noch heute berufen sich zahlreiche Studenten bei ihren Protesten auf Hessels Bestseller.

[4] World Hunger Education Service (2011): 2011 World Hunger and Poverty Facts and Statistics, http://www.worldhunger.org/articles/Learn/world%20hunger%20facts%202002.htm

[5] Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (2011): Deutsche Entwicklungspolitik auf einen Blick, http://www.bmz.de/de/publikationen/reihen/sonderpublikationen/BMZ_auf_einen_Blick.pdf

[6] Robert, I. Sutton und Pfeffer, Jeffrey (2007): Harte Fakten, gefährliche Halbwahrheiten und absoluter Unsinn. Berühmte Managementthesen auf dem Prüfstand. München: Pearson. S. 67.

[7] S. Zitat von Albert Einstein, http://zitate.net/zitat_1787.html

[8] Humboldt, Wilhelm von (1967): Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen. Stuttgart: Reclam. S. 22 und 31.

[9] Liessmann, Konrad Paul (2011): Theorie der Unbildung. Die Irrtümer der Wissensgesellschaft. 5. Auflage. München: Piper. S. 41 f.

[10] Borstel, Stefan von (2011): Firmen klagen über zu viele Fachidioten. In: WELT ONLINE, 20. Januar, http://www.welt.de/wirtschaft/article12260743/Firmen-klagen-ueber-zu-viele-Fachidioten.html

[11] Brodbeck, Karl-Heinz (2009): Die fragwürdigen Grundlagen der Ökonomie. Eine philosophische Kritik der modernen Wirtschaftswissenschaften. 4. Auflage. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft. S. 35.

[12] Brzoska, Maike (2011): Null Bock auf den Job. In: FOCUS Online, 23. September, http://www.focus.de/finanzen/karriere/berufsleben/tid-23711/unzufriedene-mitarbeiter-null-bock-auf-den-job_aid_668000.html

[13] SPIEGEL ONLINE (2011): Jeder Fünfte wird durch seinen Job psychisch krank. 28. Januar, http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,742303,00.html

[14] Berlin.de (2011): Unzufriedenheit im Job: Rund jeder Vierte hat seine Arbeit satt. 4. Februar, http://www.berlin.de/special/jobs-und-ausbildung/bewerbung-und-arbeit/karriere/1131444-999401-unzufriedenheitimjobrundjederviertehatse.html

[15] Rump, Jutta (2009): Quo Vadis Deutschland? Zukunft der Arbeit — Arbeit der Zukunft: Die Arbeitswelt im Umbruch und die Konsequenzen für den Einzelnen, für Arbeitgeber und die Gesellschaft. Whitepaper. S. 9.

[16] manager magazin (2011): Milliardenschäden durch Stress im Job. 28. September, http://www.manager-magazin.de/unternehmen/artikel/0,2828,788851,00.html

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